Offenbarungen der Freiheit

Von Torsten Brügge

Satsang mit Torsten Brügge

Wenn ich mich ernsthaft frage, wer ich bin und was ich für dieses Porträt schreiben will, verschwinden alle Selbstbilder, alle Absichten. Ich könnte mich zurücklehnen, in beglückender Stille verweilen und zenmäßig eine leere Seite abdrucken lassen. Von einem absoluten Standpunkt aus gibt es nichts zu erreichen – nicht mal einen Jemand, der das lassen könnte. Doch in Bewusst­seinsleere zu verweilen, ist nur die halbe Wahrheit. Die Leere des Urgrundes will sich auch als Fülle in der relativen Welt widerspiegeln. Reglosigkeit will auch gelebt, Stille manchmal gesungen, gesprochen, geschrieben werden. Dafür fließen Worte aus mir heraus.

Meine Lehrerin Gangaji ermutigte mich 1998 dazu, meine Erfahrung von Freiheit mit anderen zu teilen. Seitdem stehe ich für Sat­sang zur Verfügung. Mittlerweile durfte ich tausende Begegnungen mit Menschen erleben, die wie ich ein tiefes Interesse an befreiender Selbsterkenntnis haben. In unserem Zusammensein geschehen Offenbarungen dieser Freiheit. Glaubensmuster fallen ab. Die Neigung, sich mit einem getrennten Einzelwesen zu identifizieren, kommt zur Ruhe. Der innen wohnende Frieden leuchtet auf. 


Stillsein und Selbsterforschung

Die Essenz des Satsangs ist für mich immer dieselbe geblieben: Es geht um die Entdeckung des reinen, stillen Gewahrseins, das schon immer unsere wahre Natur war, ist und sein wird. Mein Lehrstil hat sich im Lauf der Jahre gewandelt. Anfangs lag die Betonung vor allem auf Elementen des reinen Stillseins und der puren Selbsterforschung mit der Frage »Wer oder was bin ich?«. Diese kraftvollen Zugänge zu innerer Freiheit sind immer noch die zentralen Pfeiler meiner Vermittlung.

Doch der Rückzug in innere Stille kann auch als Vermeidungsstrategie missbraucht werden. Statt mit den verbleibenden Schattenanteilen weiteres Erwachen stattfinden zu lassen, wird dann vermeintliche Ichlosigkeit als Abwehr gegenüber existenziellem Schmerz eingesetzt. Dann fehlen Warmherzigkeit und Mitgefühl. Die tiefen Einblicke bekommen den Geschmack kühler Überheblichkeit. Ich bin froh, eine Lehrerin wie Gangaji und meine Lebenspartnerin Padma zu haben, die nicht in diese spirituelle Falle geraten sind. Sie machten mir deutlich, dass echte Freiheit auch ein stets offenes Herz mit einschließt.


Integrale Tiefenspiritualität

Entsprechende Themen flossen in den Sat­sang ein: Die unmittelbare Begegnung mit schmerzhaften Gefühlen. Die Offenlegung von Vermeidungsstrategien. Die Annahme und Transzendenz von Schattenanteilen. Durch Eli und Padma lernte ich das Ennea­gramm als präzisen Spiegel sowohl von Ego-Mustern als auch von essentiellen Seinsqualitäten kennen. Ich staunte, wie Elemente aus Hypnotherapie und NLP für die Auflösung hartnäckiger Leidensmuster nützlich sind. Am Integralen Modell von Ken Wilber wurde mir klar, dass die in Advaita-Kreisen oft verpönte Verstandesreflexion sehr wohl ihren Platz in spiritueller Befreiung hat. 

Mit diesen erweiterten Sichtweisen ist es für mich viel leichter geworden, Menschen dort abzuholen, wo sie zu stehen glauben, und sie auf sanfte Weise zu einer spirituellen Öffnung einzuladen. Die absolute Wahrheit der Non-Dualität erweist sich als praktisch lebbar in der relativen Welt – in Beziehungen, im Arbeitsleben, in Lebenskrisen, einfach überall und jederzeit. Das breite Spektrum unserer Erfahrungen vermitteln Padma und ich am umfassendsten in den Ausbildungskursen unserer Bodhisattva-Schule unter dem Namen »Integrale Tiefenspiritualität«.


Den Schmerz umarmen

Insgesamt fühlt sich die Freiheit für mich heute aufrichtiger, menschlicher und zugleich umfassender an als je zuvor. Im Rückblick erscheint es mir, als musste ich mich zunächst vom menschlichen Leiden radikal de-identifizieren und distanzieren. Das erleichterte es, mich in der Tiefe des regungslosen Gewahrseins zu gründen. Von dort aus wurde es möglich, den Schmerz und die menschliche Begrenzung auf neue Art zu umarmen, jetzt ohne an ihr zu leiden. 


www.bodhisat.de



Torsten Brügge

Torsten Brügge, geb 1968 in Hamburg, 1990–92 Medizinstudium, 1995–97 tätig als Heilpraktiker & Shiatsu-Therapeut, 1995–2007 Psychologiestudium, 2000–11 in der Sozial­psychia­trie tätig. Seit 1998 Satsang-Lehrer. 2007 Eröffnung der »Praxis für Meditation & Selbst­erforschung«, 2010 Gründung der »Bodhisattva Schule«. infos@satsang-mit-torsten.de