Wer erkennt da
                sich selbst?

Von Martin Erdmann

Ambiente Martin Erdmann

Gern knüpfe ich in unserem Satsang an Eckhart Tolle an. Da schreibt er in seinem Buch Jetzt! Die Kraft der Gegenwart, wie er sich in einer Phase »lebensmüder Depression« befand. Eine seelische Lage war das, die ihm ausweglos erschien. Da sagte er sich: »Ich kann mit mir selbst nicht weiterleben.« 


Eckhart Tolles Erwachen

Da wurde ihm »plötzlich … bewusst, was für ein sonderbarer Gedanke das war. Bin ich einer oder zwei?«, fragte er sich. »Wenn ich nicht mit mir selbst leben kann, dann muss es zwei von mir geben: das Ich und das Selbst, mit dem ich nicht mehr leben kann.«

Da leuchtete ihm unmittelbar ein, dass es den Zweiten, mit dem er nicht mehr leben kann, gar nicht gibt. Sogleich verpuffte für ihn das unwahre Selbst oder Ego. »Was zurückblieb«, sagt Tolle, »war meine wahre Natur — das stets gegenwärtige Ich bin«. Da schreibt er, wie er sich von einer unbeschreiblichen Glückseligkeit erfüllt fand, als sich für immer das wahre Ich auftat. 


So kannst auch du erwachen

Allgemein geschieht das nicht so einfach, wie das bei Eckhart Tolle der Fall war. Doch kann sich auch für dich das selige Ich bin auftun. Dafür musst du nur wahrhaft erkennen, erfühlen, dass es den Zweiten, zu dem du dich zu machen suchtest, nicht gibt. Damit du dies in seiner Tiefe erfährst, bedienen wir uns im Satsang einer Reihe kontemplativer Übungen. Da blicken wir in entspannter Aufmerksamkeit auf praktische Situationen in unserem Leben, so wie auf diese hier. 

Da kommt eine verehrte Person heranspaziert, um zu sagen: Du bist ein toller Kerl. Daraus machst du: Ich bin ein toller Kerl, während du dich nun toll fühlst. Am nächs­ten Tag kommt derselbe Mensch auf dich zu und sagt: Du bist eine miese Laus. Daraus machst du: Ich bin eine miese Laus, um dich nun lausig zu fühlen. 

Das Du, der Zweite, kann ich nur für den anderen sein. Für mich selber kann ich dieses Du nicht sein. Dennoch versuchst du, dich zu einem Du, zu einem Zweiten zu machen. So kommt es zu dem unwahren Ich oder Ego. Bewusst würde niemand versuchen, sich zu einem Zweiten zu machen. Es ist also ein unbewusster Prozess, in dem das Ego entsteht. 


Das Egohindernis auflösen

Ein Hindernis, das uns nicht bewusst ist, können wir in das Bewusstsein heben. So lässt es sich auflösen, das hat uns die westliche Psychologie gezeigt. Im Satsang können wir das Egohindernis zum Schwinden bringen. Dafür machen wir uns den Prozess bewusst, über den dieses Ego in uns entsteht. So kann die unmittelbare Einsicht aufleuchten: Ich bin nicht klug oder dumm, bin nicht toll oder erbärmlich. Nicht diese oder jene Vorstellung bin ich, die den Zweiten aufpustete, zu dem ich mich zu machen suchte. Das alles bin ich nicht. Das heißt: Ich bin ganz einfach. 

So stechen wir in den Luftballon und erleben, wie die Luft entweicht. Da verpufft das unwahre Ich, und es tut sich deine wahre Natur auf. Ein seliger Zustand ist das, in den du dich erhebst, belebt von der Energieübertragung, die sich im Satsang ereignet. 


Das heilsame Einzelgespräch

Dabei kannst du in einen Zustand großer innerer Freiheit einkehren. Kann sein, dass du trotzdem noch an bestimmten Punkten festhängst, weil einige innere Blockaden sich nicht dem seligen Strom ergeben wollen. Da müssen wir nun die tieferen Ursachen für das seelische Hindernis aufdecken. Das kann nicht immer im Satsang geschehen. Dafür gibt es das Einzelgespräch. Dabei decken wir die Ursachen immer so weit auf wie notwendig und können so den Nöten und Ängsten, die auf dem unwahren Ich beruhen, die Grundlage entziehen. Sie können dann in die bodenlose Tiefe fallen, um zu entschwinden. Würdest du danach suchen, du könntest sie nicht wiederfinden. Im Wehen der Liebe, die sich sieht, erscheint das sich auflösende Ego als Seife und Schaum. Was bleibt, ist das wahre Ich all-ein, das selig sich erblickt und schweigt. So kann es im Einzelgespräch geschehen.


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Martin Erdmann

Martin Erdmann, geboren 1941 in Polen, ehemals Dozent an der Universität Heidelberg, Autor spiritueller Bücher, die von der Lehre in die Leere führen wollen. Einweihung in eine Reihe spiritueller Wege. Seit 2001 gibt Martin Satsang.

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