Scheitern in die
Gewöhnlichkeit

Von Daniel Stötter

Daniel Stötter

Nach dem ersten klaren Sehen geschah der Drang, dieses Sehen anderen mitzuteilen. Sofort war aber auch klar, dass dies nicht möglich war, und jeder Versuch scheiterte. Niemand konnte das wirklich verstehen. Ich zog es vor, diesen Versuch zu unter­lassen. Es war auch gut so, denn obwohl das Sehen in sich absolut vollständig war, war dies noch lange nicht das Ende.

 

Erstes Sehen

Ich fing an, Bücher über Advaita und Erwachen zu verschlingen, und verstand plötzlich viele alte Lehren und Philosophien. Dadurch eignete ich mir eine Sprache an, die immer klarer und direkter auf das hinweisen konnte, was nicht beschrieben werden kann. So geschah aber auch eine Fixierung auf diese Advaita-Konzepte. Ich fing an, Konzepte zu wälzen. Aussagen wie »Es gibt nichts zu tun«, »Es ist alles schon perfekt«, »Es gibt keine Person«, »Da ist niemand, der irgendwas tun, erfahren oder erkennen könnte«, machten absoluten Sinn in Anbetracht des Sehens, aber der Verstand verwendete diese Konzepte dann wieder als Vorwand, alles auszuschließen, was ihnen nicht entsprach. 

Ich fing sogar an, Leidenschaften und Potenziale in mir auszugrenzen, weil sie scheinbar keinen Sinn machten, weil ja alles vollständig zu sein schien und es nichts zu tun gab. Was für eine wunderbare Illusion, davon zu sprechen, dass alles Illusion ist! Was für eine wunderbare Illusion, zu glauben, dass dieses erste Sehen das Ende sei!

Immer wieder geschah dieses Sehen in unterschiedlichen Varianten und mit unterschiedlichen Aspekten. Es gab auch eine lange Phase des Sehens, die mehrere Monate anhielt. Ich bin sehr froh darüber, dass das Sprechen über Ganzheit und Nondualität nicht damals geschehen ist, sondern dass es sich erst gezeigt hat, als das Ende da war, denn diese lange Phase des Friedens verging auch wieder.

 

Gewöhnlich sein

Am Ende geschieht gar nichts. Es ist ein Ende, das nie geschehen ist. Am Ende ist einfach nur das, was ist. Punkt. Ohne Konzepte von »Da ist niemand, es gibt nichts zu tun, blablabla«. Das Fantastische dabei ist, dass die Gespräche plötzlich geschahen und dass absolute Gewöhnlichkeit einkehrte. Da ist nur das, was ist. Ich bin nicht erleuchtet, nicht erwacht, habe nicht immer ein offenes Herz, bin nicht immer gelassen, es geschieht ganz gewöhnliches »Person-Sein«. Was für eine wunderbare Erleichterung, ganz gewöhnlich zu sein! Und plötzlich wird darüber gesprochen. Plötzlich kommt ein klarer und direkter Hinweis auf die Ganzheit, auf das, was ist, und es geschieht ein Entdecken des Lebens, ein Leben der Leidenschaften und Entdecken der persönlich-menschlichen Potenziale.

 

Persönliche Entwicklung

Eine dieser Leidenschaften ist, Menschen zu begleiten – in Achtsamkeits-Praktiken, in ein Entdecken der Präsenz im Körper, ein Entdecken der Lebendigkeit und der Stille, aber auch ein Entdecken des Gewöhnlich­seins mit allen seinen Schwächen, Verwicklungen, Mustern und Unbewusstheiten. Dies führt zwar nicht zum Ende, aber es ist nicht verschieden von dem. Der direkte Hinweis auf das, was ist, ist für mich formell etwas anderes als die Begleitung eines persönlichen Entwicklungsprozesses. Aber persönliche Entwicklung wird nun nicht mehr durch Advaita-Konzepte ausgegrenzt.

 

Kann man es vermitteln?

Der Versuch, Nondualität zu vermitteln, wird immer scheitern. Dieses Scheitern ist fantas­tisch. Es lässt alle scheinbar spirituellen Struk­turen, Hierarchien, Ausgrenzungen und Trennungen scheitern. Übrig bleibt: Gewöhnlichkeit. Erwachen birgt vielleicht die stärkste und subtilste Gefahr der Abspaltung in sich, weil es etwas Besonderes zu sein scheint. Am Ende ist einfach nur das, was ist. Am Ende ist alles gewöhnlich.

 

www.daniel-stoetter.com


Daniel Stötter

Daniel lebt mit seiner Freundin und drei Kindern in Südtirol. Er vermittelt vor allem eine Botschaft, die das Ende der spirituellen Suche beschreibt und das offenbart, was schon erfüllt und ganz ist. Zudem vermittelt er Möglichkeiten, den Körper als Ausdruck der Ganzheit zu erfahren.
info@daniel-stoetter.com